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Pest in Sibirien: Die Behörden schweigen zur Diagnose, und Krankenwagen fahren unter FSB-Eskorte

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Pest in Sibirien: Die Behörden schweigen zur Diagnose, und Krankenwagen fahren unter FSB-Eskorte

In Schelechow, einer kleinen Stadt in der sibirischen Oblast Irkutsk, ist eine junge Laborantin des Irkutsker Instituts zur Bekämpfung der Pest gestorben. Darja Schipilowa war mit schwerer Lungenentzündung ins Krankenhaus gekommen und an ein Beatmungsgerät angeschlossen worden, wenige Tage später starb sie. Seitdem wendet das offizielle Russland seine Lieblingstaktik an: so wenige Worte wie möglich.

Gouverneur Igor Kobsew weigert sich, die Krankheit beim Namen zu nennen - für ihn ist es „eine gefährliche Infektionskrankheit“. Alle öffentlichen Veranstaltungen in der Region wurden abgesagt. Die Chefin der russischen Gesundheitsaufsicht, Anna Popowa, reiste persönlich aus dem rund 4.200 Kilometer entfernten Moskau an. Ärzte und medizinisches Personal sprechen untereinander offen von Pest, in den offiziellen medizinischen Unterlagen taucht diese Diagnose aber nirgends auf.

Zerbrochenes Reagenzglas oder Expedition?

Einer Version zufolge zerbrach Schipilowa am 25. September ein Reagenzglas mit einer lebenden Probe des Bakteriums. Nach der anderen traten die Symptome nach ihrer Rückkehr von einer Feldexpedition in Burjatien auf, nahe der Grenze zur Mongolei, wo es einen natürlichen Herd der Krankheit gibt. Der bekannte russische Epidemiologe Michail Fawerow weist die Geschichte mit dem Reagenzglas zurück: „Das ist lächerlich. Wer am Institut zur Bekämpfung der Pest in Irkutsk arbeitet, trägt einen Schutzanzug. Wenn man ein Reagenzglas zerbricht, ist die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung sehr gering.“ Und er fügt hinzu: „Das ist absolut beängstigend. Sie werden uns nicht sagen, was wirklich passiert ist.“

Geschlossene Krankenhäuser und bewaffnete Eskorte

Obwohl die regionalen Behörden die Öffentlichkeit beruhigten, sprechen die Zahlen eine andere Sprache. Offiziell wurden 197 Personen ermittelt, die direkten oder indirekten Kontakt mit der Verstorbenen hatten, 189 davon wurden dringend ins Krankenhaus gebracht. Laut unabhängigen russischen Medien stehen in Irkutsk drei städtische Krankenhäuser, das Kinderkrankenhaus „Iwano-Matreninskaja“ und eine städtische Geburtsklinik unter strenger Quarantäne. Einem Ehemann wurde der Zutritt zum Kreißsaal verweigert, obwohl er die begleitete Geburt zuvor vereinbart und bezahlt hatte - die Ärzte beriefen sich direkt auf die Pestgefahr.

Noch aufschlussreicher: Seit dem 1. Oktober fahren alle Krankenwagen, die Kontaktpersonen zu Tests und in die Isolation bringen, unter bewaffneter Eskorte von FSB-Patrouillen. Im Irkutsker Aluminiumwerk in Schelechow herrscht Maskenpflicht für alle Arbeiter, Direktor Artjom Fominych räumte offen ein, dass in der Stadt widersprüchliche Informationen kursieren. Die Stadtverwaltung des benachbarten Baikalsk rief die Bürger am Morgen des 3. Oktober auf, wegen eines bestätigten Pest-Todesfalls vorerst nicht nach Schelechow zu reisen - danach verschwand die Mitteilung ohne jede Erklärung.

Gouverneur Kobsew versichert, keiner der Hospitalisierten habe bisher Symptome, die Tests seien negativ. Mag sein. Doch wenn der FSB Krankenwagen eskortiert und Warnungen aus offiziellen Kanälen gelöscht werden, fällt es schwer zu glauben, dass die Lage „stabil“ ist. Es gab auch Berichte, dass in der Region die Antibiotika ausgegangen seien und verängstigte Einwohner in Apotheken nach Hilfe suchten.

Die Lungenpest ist die seltenste, aber auch gefährlichste Form der Infektion mit dem Bakterium Yersinia pestis. Anders als die Beulenpest - der mittelalterliche „Schwarze Tod“, der vor allem über Bisse infizierter Nagetierflöhe auf Menschen überging - wird die Lungenpest direkt von Mensch zu Mensch per Tröpfcheninfektion übertragen, wie eine schwere Grippe. Laut Weltgesundheitsorganisation liegt die Sterblichkeit bei fast 100 Prozent, wenn Antibiotika nicht in den ersten 24 Stunden nach Auftreten der Symptome eingenommen werden.

Wer sich an Tschernobyl erinnert, weiß, dass bei einem solchen Unglück oft nicht die Bedrohung selbst am gefährlichsten ist, sondern das Schweigen der Macht. Wird Moskau sagen, was in Schelechow wirklich passiert ist, oder werden die geschlossenen Krankenhäuser die Geschichte erzählen?