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Israel straft Netanjahus Koalition bei der höchsten Wahlbeteiligung seit 1999 ab: Laut Nachwahlbefragungen liegt der Schlüssel zur Regierung bei den arabischen Parteien

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Israel straft Netanjahus Koalition bei der höchsten Wahlbeteiligung seit 1999 ab: Laut Nachwahlbefragungen liegt der Schlüssel zur Regierung bei den arabischen Parteien

Die ersten Nachwahlbefragungen nach der Parlamentswahl in Israel zeigen, dass der von Gadi Eisenkot angeführte Oppositionsblock mehr Sitze gewonnen hat als die Koalition von Premierminister Benjamin Netanjahu. Doch keine Seite hat eine Mehrheit für eine Regierungsbildung. Dafür braucht es 61 der 120 Sitze in der Knesset, und laut ersten Schätzungen erreicht kein Block diese Zahl.

Die Wahlbeteiligung war die höchste seit 1999 - mindestens 77,7 Prozent der Wähler gaben ihre Stimme ab. Netanjahus Likud bleibt die stärkste Einzelpartei, die arabischen Parteien kommen laut Hochrechnungen auf rekordverdächtige 17 bis 18 Sitze. Sie könnten nun entscheiden, wer Israel regiert.

Eisenkot kündigte sofort an, er werde versuchen, Netanjahu abzulösen. Die Verbündeten des Premiers warnen, die Opposition feiere zu früh. Nur die Nachwahlbefragung von Kanal 14, einem Sender, der als Sprachrohr Netanjahus gilt, sah den Premier an der Schwelle zum Sieg. Kaum jemand glaubte ihr.

„Netanjahus Koalition hat 18 Sitze verloren. Das würde ich eine Sintflut nennen“, sagte Lian Pollak-David, künftige Abgeordnete von Eisenkots Partei Jaschar. Der Chef der linken Demokraten, Jair Golan, schrieb, „die Öffentlichkeit hat Netanjahus Regierung abgewählt“. Vom Likud wiederum riet der frühere Bildungsminister Joav Kisch allen, die schon Pläne schmieden, das Endergebnis abzuwarten.

Die arabischen Parteien rücken vom Rand in die Mitte

Einer der größten Gewinner dürfte die arabische Partei Ra'am sein, der die Hochrechnungen sieben Sitze geben. Ihr Vorsitzender Mansour Abbas sagte, beide Lager hätten ihn kontaktiert. „Alle reden mit uns, nicht nur der Block des Wandels“, so Abbas, der durchblicken ließ, dass er bereit sei, einer von Eisenkot geführten Koalition beizutreten. Er räumte aber ein, dass es „derzeit nicht genug Mandate für eine Regierungsbildung gibt“.

Eine Umfrage des aChord-Zentrums an der Hebräischen Universität ergab, dass die Mehrheit der Wähler des Oppositionsblocks will, dass Eisenkot gerade mit Ra'am eine Regierung bildet. Die arabischen Parteien sind jetzt das Zünglein an der Waage. Wird sich Israels Mitte an eine Regierung wagen, die von ihnen abhängt - und wie lange würde eine solche Regierung halten?

Wie es weitergeht

Der eigentliche Kampf beginnt nach der Auszählung. Sind alle Stimmen gezählt, was meist einige Tage dauert, berät Präsident Isaac Herzog mit jeder gewählten Partei und erteilt den Auftrag dem Kandidaten mit den besten Chancen auf eine tragfähige Koalition - nicht unbedingt dem Chef der stärksten Partei. Da weder die Opposition noch die arabischen Parteien Netanjahu vorschlagen werden, dürfte Eisenkot die erste Chance bekommen.

Er hätte vier bis sechs Wochen, um über Ministerposten, Haushaltsprioritäten und politische Leitlinien zu verhandeln. Scheitert er - und angesichts seiner geringen politischen Erfahrung ist das realistisch -, geht der Auftrag höchstwahrscheinlich an Netanjahu, und alles beginnt von vorn. Scheitert auch er, folgen Neuwahlen.

Israels am längsten amtierender Premier hat schon unglaubliche Comebacks hingelegt. Doch in dieser Nacht ließen ihn die Wähler mit der stärksten Partei und ohne Weg zur Macht zurück. Und in Israel wie auf dem Balkan ist die Stimmenzahl nur der erste Schritt - der echte Sieg bemisst sich daran, wer die Regierung bildet und am Leben hält.