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Dreißig Jahre auf einer Jeans: Claudia Schiffer zerlegt das Einzige, wovon die Mode lebt

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Dreißig Jahre auf einer Jeans: Claudia Schiffer zerlegt das Einzige, wovon die Mode lebt

Die Modeindustrie lebt von der Vorstellung, jede Saison müsse einen mit etwas Neuem überraschen. Claudia Schiffer zerlegt diese Vorstellung mit 56 Jahren durch die gewöhnlichste denkbare Handlung: Sie trägt noch immer ihre Chanel-Jeans von 1993. Dieselbe erschien 2020 auf dem Cover der „Elle“. Das sind dreißig Jahre auf einer einzigen Jeans - eine Zahl, die keine Werbung je in eine Kampagne setzen wird.

Die Lektion kam von Karl Lagerfeld, und sie besteht aus einem Satz: Folge niemandes fremdem Stil. Der Designer, der sie zur Chanel-Ikone machte, sah sie tatsächlich lieber in ihrer eigenen Kleidung, gemischt mit Stücken des Hauses, als in einem kompletten Look einer einzigen Marke. Schiffer fasste ihre Philosophie noch knapper: Guter Geschmack wird überschätzt, der persönliche Ausdruck zählt.

Vor den Kameras: Fiorucci, blauer Lidschatten und Haarspray

Die Garderobe vor dem Ruhm war nichts Besonderes. Hoch geschnittene Jeans aus ausgewaschenem Denim, übergroße Fiorucci-Sweatshirts, blauer Lidschatten und Haarspray - eine Teenageruniform, die man zur selben Zeit auch auf dem Balkan wiedererkannt hätte. Entdeckt wurde sie mit 17 in einem Düsseldorfer Nachtclub, das erste Shooting machte sie mit Ellen von Unwerth in Paris, danach kamen die Guess-Kampagnen.

Heute trägt sie beruflich Chanel, Versace, Valentino, Alaïa und Dolce & Gabbana, und ihre Alltagsformel ist beinahe langweilig einfach: Denim mit Kaschmirpullovern und Blusen, dazu markante Accessoires. Sie baut Looks um Stücke, die nicht altern, sodass dasselbe Outfit sie von der Schule zum Termin bis zur Abendveranstaltung trägt, ohne dazwischen umzuziehen.

Ein Archiv, das die meisten hinter Glas aufbewahren würden

Ihr Schrank enthält Stücke mit Geschichte: handbemalte Chanel-Taschen, ein Geschenk Lagerfelds, Metallröcke von Versace, Chanel-Schmuck, ein Brautkleid von Valentino Garavani und Teile von Alaïa und Dolce & Gabbana. Die Jeans von 1993 hob Lagerfeld durch Details des Hauses ins Luxussegment, zu einer Zeit, als Denim in der Haute Couture noch überraschend wirkte.

Ihre Logik ist stets dieselbe: Das besondere Stück wird mit dem gewöhnlichen kombiniert. Ein auffälliges Kleid mit praktischen Stiefeln. Ein Archivstück mit aktuellem Denim. Ein einfaches weißes T-Shirt, das allein durch andere Accessoires abendtauglich wird. Einen kompletten Look einer einzigen Marke trägt sie außerhalb der Arbeit selten.

Welche Frauen sie ansah

Ihre Referenzen sind Jane Birkin, Lauren Hutton, Sylvie Vartan und Iman - Frauen mit einem wiedererkennbaren Auftritt, der sich nicht nach dem Saisonkalender änderte. Das ist dieselbe Logik: erkannt werden für sich selbst, nicht für das, was in diesem Monat gerade aktuell ist.

In den Neunzigern hatten Schiffer und ihre Zeitgenossinnen einen Einfluss, den Models heute nicht mehr haben, weil Mode damals mit Musik und Kunst verschränkt war. Gianni Versaces Schauen glichen Rockkonzerten - Musik von Prince, Hunderte Fotografen, Versace selbst in der ersten Reihe. Sie beteiligte sich aktiv am Aufbau ihrer eigenen Karriere, im Bewusstsein, dass ein Model eine eigene Stimme haben kann.

Am interessantesten ist, was fehlt, wenn man ihre Looks von damals und heute vergleicht. Keine Wende, keine Neuerfindung, keine neue Phase. Der Denim bleibt, der Kaschmir bleibt, Stiefel und Accessoires bleiben. Verschwunden ist nur das Bedürfnis, dass jeder Look neu sein muss. Wenn die Beständigkeit ihres Einflusses eine Erklärung hat, dann ist es Lagerfelds Lektion: Finde, was für dich funktioniert, und habe den Mut, dort zu bleiben.