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Apulien ist das Italien ohne Kamera in der Hand: der Stiefelabsatz, den der Balkan natürlicher versteht als die Toskana

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Italien hat zwei Gesichter. Das eine sieht die ganze Welt - Venedig, Rom, die Toskana, Fotos für Instagram. Das andere ist Apulien. Der Absatz des italienischen „Stiefels", die Region zwischen Adria und Ionischem Meer, wo die Männer abends auf dem Platz noch reden, und wo die Frauen auf den Türschwellen der Häuser noch von Hand die Festtagspasta machen. In Apulien schläft man in einer masseria - einem Bauernhof aus dem 16. Jahrhundert. Und genau darum spricht Europas Elite gerade über Apulien leise unter sich, ohne es zur saisonalen Nachricht zu verarbeiten.

Masseria bedeutet ein ummauerter Bauernhof. Es waren die alten Höfe der großen Landbesitzer, mit Olivenhainen, Weinbergen, Kühen und Straßen, die nirgendwohin führen - und genau deshalb wollen jetzt alle in ihnen wohnen. Heute sind viele davon in Hotels verwandelt oder in private Sommerhäuser für Menschen, die keine fünf Sterne wollen, sondern fünf Jahrhunderte.

Die Reise beginnt in Bari, der Hauptstadt der Region. Polignano a Mare, mit den Häusern auf den Klippen über dem türkisfarbenen Meer, ist einer jener Orte, der wie eine Fotomontage aussieht, bis man ankommt - dann fragt man sich, wie etwas Reales so unwirklich sein kann. Locorotondo mit den runden Gassen und weißen Häusern mit blumengefüllten Balkonen ist das stille Herz der Reise.

Im Landesinneren, in der Sonne, steht Castel del Monte - eine achteckige mittelalterliche Burg, UNESCO-Welterbe, umgeben von Wiesen voller Wildblumen und Weinbergen. Niemand weiß genau, wofür sie gebaut wurde - Krönungen, Jagd oder die höfische Geometrie eines Herrschers, der die Mathematik liebte. Das Geheimnis selbst ist Teil der Anziehung.

Das Herz der Region ist das Itria-Tal mit seinen Trulli - niedrige, runde Steinhäuser mit Kegeldächern. Im Gebiet Monti bei Alberobello stehen rund 1.000 solcher Gebäude, die meisten aus dem 16. Jahrhundert und später. Sie sehen aus wie aus einem Märchen - und gerade deshalb glaubt niemand, dass sie einst lebende Höfe waren, mit Menschen, Vieh und Alltag.

Im Süden glänzt Lecce mit barocker Architektur, in den Stein gemeißelt, und Otranto, am östlichsten Punkt Italiens, bietet Wasser so türkisfarben, dass die Adria die Karibik in Verlegenheit zu bringen scheint. Die lokale Brasse, das Obst und Gemüse, die Meeresfrüchte und die cremige Burrata machen die Reise zu etwas zwischen Urlaub und lang ersehnter Selbstöffnung.

Für den Balkan hat Apulien einen besonderen Klang. Es gibt kein Dubrovnik mit ordentlichen Schlangen, kein Capri, dessen jeder Winkel bekannt ist. Das ist Italien ohne Kamera in der Hand - jenes, das der Balkan natürlich versteht, weil bei uns das Leben noch immer in Olivenbäumen, Tomaten aus dem Garten und einem Mittagsschlaf gemessen wird. Nur dass sie es dort verkaufen. Bei uns wollen wir es noch immer verschenken.