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„Greift zu den Waffen“: Plakate an Russischsprachige in Estland kursieren auf Telegram, eine Bestätigung, dass sie wirklich auf den Straßen hängen, gibt es nicht

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„Greift zu den Waffen“: Plakate an Russischsprachige in Estland kursieren auf Telegram, eine Bestätigung, dass sie wirklich auf den Straßen hängen, gibt es nicht

In russischen sozialen Netzwerken kursieren seit einigen Tagen Botschaften an die russischsprachige Bevölkerung Estlands: Sie solle zu den Waffen greifen, sonst könne Blut fließen. Behauptungen, die Botschaften hingen auch als Plakate auf den Straßen, wurden von offiziellen estnischen Stellen bislang nicht bestätigt. Verbreitet werden sie vor allem von russischen Telegram-Kanälen.

Dann kam das Foto. Die Sabotage- und Sturmaufklärungsgruppe „Russitsch“ veröffentlichte Ende September auf ihrem Telegram-Kanal ein Bild von drei bewaffneten Männern in voller Kampfausrüstung mit der knappen Botschaft: „Gebiet Narva. 2026.“ Wo das Bild entstand, wurde nicht gesagt. Aus dem Beitrag selbst lässt sich nicht feststellen, ob die Männer in Estland, auf der russischen Seite der Grenze oder ganz woanders waren.

„Russitsch“ ist kein anonymes Profil. Es ist eine russische paramilitärische Formation, die in der Ukraine gekämpft hat; das US-Finanzministerium belegte sie bereits 2022 mit Sanktionen und beschrieb sie als neonazistische paramilitärische Gruppe, die an der Seite russischer Truppen kämpfte. Wenn eine solche Gruppe „Narva, 2026“ schreibt, ist das keine Urlaubspostkarte.

Warum ausgerechnet Narva? Die Stadt liegt direkt gegenüber dem russischen Iwangorod, beide trennt nur der Fluss Narva, und ein Großteil der Einwohner spricht Russisch. Schon im Frühjahr tauchten auf Telegram, VKontakte und TikTok Profile auf, die eine Abspaltung Narvas und des Kreises Ida-Viru und die Gründung einer sogenannten „Volksrepublik Narva“ propagierten - mit Flagge, Wappen, neuen Grenzen und militärischer Symbolik, in einem Teil der Beiträge auch mit Aufrufen zu Gewalt und Sabotage.

Der estnische Inlandsgeheimdienst erklärte damals, er sehe keinen Beleg für eine echte separatistische Bewegung vor Ort, und beschrieb das Ganze als Informationsoperation mit dem Ziel, Angst und Spaltung in der Gesellschaft zu säen. Selbst die Macher des estnischen Projekts „Propastop“, die diese Profile als Erste im Detail untersucht hatten, warnten später, die mediale Aufmerksamkeit sei unverhältnismäßig zum tatsächlichen Umfang der Aktivität geworden. Der größte Erfolg einer solchen Operation liegt nicht vor Ort, sondern in den Schlagzeilen, die sie aufblasen.

In denselben Tagen gab es auch einen Zwischenfall auf See. Der russische Grenzschutz stoppte den Frachter „Västerbotten“ unter zypriotischer Flagge, der von Schweden zum estnischen Hafen Sillamäe unterwegs war. Das Schiff fuhr durch russische Hoheitsgewässer, allerdings auf einer Route, die Handelsschiffe nach geltendem Schifffahrtsregime nutzen dürfen, weil sie für größere Schiffe sicherer ist als der flache Teil der estnischen Gewässer. Einige Stunden lag es vor Anker, die russische Seite teilte nicht mit, dass die Besatzung gegen etwas verstoßen habe, dann wurde das Schiff freigegeben und setzte seine Fahrt nach Estland fort.

Bislang gibt es keine Bestätigung, dass die verbreiteten Botschaften die Vorbereitung einer echten bewaffneten Aktion in Narva sind. Doch binnen weniger Tage steht die estnisch-russische Grenze wieder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit - und Angst und Spaltung sind genau das, was der estnische Sicherheitsdienst als Ziel solcher Operationen beschrieben hat. Der Balkan kennt diese Abfolge: erst neue Karten und Flaggen auf dem Papier, dann selbsternannte Republiken. Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, ob die Plakate wirklich an den Wänden in Narva hängen, sondern wem es nützt, wenn genug Menschen glauben, dass sie hängen.