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Biophiles Design: Der moderne Name für das, was unsere Großmütter immer zu Hause hatten

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Der Begriff „biophiles Design" klingt nach etwas, das ein Architekt erfindet, der nicht weiß, was er als Nächstes anbieten soll. Aber er hat eine konkrete Wurzel - der Wissenschaftler Edward O. Wilson schlug bereits in den 1980ern die Theorie der „Biophilie" vor: dass Menschen ein angeborenes Bedürfnis nach Naturkontakt haben. Heute, vierzig Jahre später, verwandelt sich diese Theorie in eine Designpraxis, die zunehmend in Wohnungen quer durch Europa Einzug hält.

Warum gerade jetzt? Die Pandemie habe den Prozess beschleunigt, erklären Experten. Als die Menschen 2020 und 2021 zwischen vier Wänden eingeschlossen waren, zeigte sich dramatisch, wie sehr wir Fenster zu Grün, natürliche Materialien und Sonnenlicht brauchen. Biophiles Design ist nicht neu - aber es wird massentauglich.

Hauptzutat: lebendiges Grün. Keine gemalten Blumen oder Plastikpflanzen, sondern echte. Experten empfehlen den Ficus, die „Friedenslilie" (Spathiphyllum) und den „Bogenhanf" (Sansevieria) - drei Pflanzen, die in den Händen vergesslicher Besitzer selten eingehen. Sie sehen unter fast allen Lichtverhältnissen gut aus. „Passive Biophilie" - das Syndrom zu wenig Natur - lässt schon mit drei Pflanzen pro Zimmer nach.

Aber Grün ist nicht alles. In Wohnungen ohne Blick in einen Park empfehlen Experten visuelle Alternativen: Wandbilder mit Landschaftsmotiven, Tapeten mit botanischen Prints, Fotografien mit Naturthemen - nicht symbolisch, sondern wörtlich. Das Gehirn reagiert auf „Grün im Blickfeld", selbst wenn es weiß, dass es ein Bild ist. Evolutionär sind wir nach wie vor Menschen, die einen Wald suchen.

Biophiles Design in einer Küche

Natürliche Materialien - das ist die dritte Säule. Holzboden statt Laminat. Wände mit Putz oder Kalkfarbe statt einer matten Latexfarbe. Textilien aus Leinen, Baumwolle, Wolle. Möbel aus naturbelassenem Holz, nicht aus beschichtetem MDF. Das ist nicht nur Ästhetik - es ist taktile Erfahrung. Wenn Sie mit der Hand über einen Eichentisch im Vergleich zu demselben Tisch mit Kunststoffbeschichtung gleiten, reagiert das Gehirn unterschiedlich. Nicht bewusst - auf etwas weniger Erklärbares.

Auf Balkon oder Terrasse setzt sich biophiles Design mit vertikalen Gärten fort - Hängepflanzen entlang der Wände, die keinen horizontalen Platz beanspruchen. Besonders praktisch in Städten wie Skopje, Sofia oder Zagreb, wo kleine Wohnungen mit schmalen Balkonen keinen Platz für Bodentöpfe lassen - aber Platz an den Wänden bieten.

Weitere Prinzipien: organische Formen (Möbel mit geschwungenen Linien statt geraden Kanten - Spiegel in „Pool"-Form, Sessel mit geflochtenen Sitzen, Betten mit gerundeten Kopfteilen), eine Naturfarbenpalette (von Himmelblau bis Erdtönen - weniger reines Weiß und Grau) und maximales Tageslicht (was manchmal heißt: schwere Vorhänge weg).

„Klassische Vorhänge können ein Gefühl von Dichte erzeugen", sagt Innenarchitektin Natalija Zubisareta. „Im Gegensatz dazu vermitteln Rollos Ordnung und Ruhe." Ein kleines Dilemma für jede europäische Familie: Hat der Vorhang aus den 1990ern noch seinen Platz - oder ist es Zeit für ein Rollo?

Das sensorische Erlebnis als Ganzes macht biophiles Design anders als üblichen „Minimalismus mit Pflanzen". Es ist ein Design, das alle fünf Sinne anspricht - Klang (Wasser oder Ventilator), Geruch (frisch geschnittene Pflanzen), Tastsinn (natürliche Stoffe), Geschmack (Gewürze und Kräuter in der Küche) und Sicht (Grün, Licht, Formen). Und offensichtlich - Nachhaltigkeit. Architektur und Interieurs, die halten und einen minimalen CO2-Fußabdruck haben.

Für viele auf dem Balkan ist das kein neues Konzept. Es ist das, was unsere Großmütter immer hatten - einen Holztisch, geflochtene Körbe, Pflanzen im Fenster, gewebte Teppiche, Kräuter für Tee aus dem eigenen Garten. Biophiles Design ist in gewissem Sinn nur eine moderne Version des Lebens vor 80 Jahren. Wer es hatte - wusste nicht, dass man ihm einen Namen gab. Wer es verliert - kauft es jetzt als „Trend" zurück.