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Sopron, 60 Kilometer von Wien: Die ungarische Stadt, die 1921 ungarisch bleiben wollte - und trotzdem nicht in den Reisekatalogen steht

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Sechzig Kilometer von Wien entfernt - an der Grenze zwischen Österreich und Ungarn, in der nordwestlichen Ecke der ungarischen Landkarte - steht eine Stadt, die in Reisekatalogen selten auftaucht. Sopron, auf Ungarisch Sopron, ist die Geschichte einer Stadt, die kein mitteleuropäisches Marketingprodukt ist. Es ist ein mittelalterlicher Ort mit römischen Wurzeln, Weinbergen und einer präzisen Geschichte der Loyalität, die sich 1921 entschied, ungarisch zu bleiben - in einem Moment, in dem nichts dazu zwang.

Das Hauptgebäude ist der Feuerturm (Tűztorony) - 58 Meter hoch, im 13. Jahrhundert errichtet, mit 200 Stufen bis zur Aussichtsplattform, von der aus die ganze Tieflandschaft und die Weinberge rund um die Stadt zu sehen sind. Von dort sieht man auch über 1.500 Hektar Weinberge - Produktion vor allem weißer Sorten wie Veltliner, und der Rotwein Kékfrankos („graublau"), ein Name, der noch aus der napoleonischen Besatzung stammt.

Der Hauptplatz ist für sich allein eine architektonische Leistung. Die Dreifaltigkeitssäule aus 1701 ist die älteste Votivsäule in ganz Ungarn. Auf demselben Platz steht die Ziegenkirche (Kecske templom), eine Kirche aus dem 13. Jahrhundert mit gotischer Fassade und barockem Innenraum - sie erhielt ihren Namen aus einer Stadtsage, dass sie mit dem Geld eines reich gewordenen Hirten gebaut wurde. Weiter befindet sich hier eine von drei mittelalterlichen Synagogen in Europa, die noch eine dreiteilige Struktur besitzen.

Sopron wurde auf der römischen Siedlung Scarbantia gegründet und war historisch ein Knotenpunkt der Bernsteinstraße - der Handelsroute, die das Baltikum mit dem Mittelmeer verband. Und im Gegensatz zu vielen anderen ungarischen Städten haben die Osmanisch-Habsburgischen Kriege hier keine tiefen Wunden hinterlassen. Die Architektur ist fast unberührt. In den Straßen sieht man den Storno-Palast - eine in ein Museum umgewandelte barocke Residenz, das modernistische Petőfi-Theater, römische Amphitheater-Reste und Straßen in Hufeisenform um die Altstadt.

Warum erhielt gerade diese Stadt den Beinamen „die treueste Stadt"? Weil 1921 die Bürger in einem Plebiszit ablehnten, sich Österreich anzuschließen, und sich entschieden, ungarisch zu bleiben - obwohl es geografisch und kulturell schwer zu entscheiden war. Nach dieser Abstimmung wurde das Tor der Treue errichtet. Eine Geste, die in der europäischen Geschichte selten zu sehen ist - Menschen gehen wählen, wer ihr Chef wird. Und sie wählen die kompliziertere Seite.

Für Balkan-Leser ist Sopron erreichbar. Eine Autostunde von Wien, oder eine direkte Bahnverbindung für Liebhaber des langsamen Reisens. Anders als das überfotografierte und mit Airbnb gesättigte Budapest findet man hier noch ein Restaurant, in dem der Wirt selbst empfiehlt, was du bestellst. Das lokale Bier Soproni wird seit 1895 gebraut - so alt wie viele Kultmarken aus dem Alpenraum. Die Weingüter empfangen Besucher, ohne dass es zwei Wochen Vorlauf braucht.

Es ist ein Ort für Leser, die Ungarn ohne die Brokade der Tourismusindustrie suchen. Und für Leser, die fragen - „warum fünf Stunden reisen, um etwas Ähnliches zu finden, das ich zwei Stunden entfernt habe"? Manchmal liegt die Antwort nicht im Unterschied der Destination, sondern in einem leicht veränderten Blickwinkel.