Skip to content

Die Hungersteine sind aus Rhein und Elbe aufgetaucht: über zwanzig Daten, eingemeißelt über drei Jahrhunderte, das letzte ist 2018

1 Min. Lesezeit
Teilen
Die Hungersteine sind aus Rhein und Elbe aufgetaucht: über zwanzig Daten, eingemeißelt über drei Jahrhunderte, das letzte ist 2018

In den Betten von Rhein und Elbe sind wieder die Hungersteine aufgetaucht. Das ist keine Metapher und keine neue Erscheinung - es sind echte Steinblöcke mit eingeritzten Markierungen, hinterlassen von Menschen, die in vergangenen Jahrhunderten die schlimmsten Dürren festhielten. Wenn das Wasser so weit fällt, dass die Steine sichtbar werden, hat der Fluss bereits überschritten, was Menschen für normal hielten.

Dasselbe Bild wurde nach dem Absinken der Pegel auch in vielen Flüssen des ostdeutschen Bundeslandes Sachsen beobachtet, berichtete die Wochenzeitung „Die Zeit". Ein solcher Stein liegt an der Elbe bei Pirna.

In einen der Blöcke sind mehr als zwanzig Daten eingemeißelt. Die Spanne umfasst über drei Jahrhunderte, das letzte eingetragene Jahr ist 2018. Das ist eine Botschaft in der direktesten denkbaren Form: Jemand beugte sich im siebzehnten Jahrhundert über einen trockenen Flussstein und meißelte ein Datum hinein, damit der Nachfolgende es weiß. Nicht fürs Archiv, nicht für die Statistik. Als Warnung.

Der Fluss, der immer da war

Der Rhein ist keine Touristenattraktion - er ist eine Verkehrsader. Auf ihm werden Treibstoff, Getreide und Rohstoffe für die deutsche Industrie transportiert. Fällt der Pegel, laden die Schiffe weniger oder fahren gar nicht. Deutschland kennt diese Rechnung seit 2018, dem Jahr, das genau dieser Stein festhielt.

Und bei uns? Auf dem Balkan brauchen wir keine eingeritzten Steine, um zu wissen, dass sich die Sommer ändern - es genügt zu sehen, welches Flussbett dieses Jahr eine Wiese ist. Der Unterschied ist: Die Deutschen haben eine dreihundertjährige schriftliche Aufzeichnung ihrer Dürren. Wir haben die Erinnerungen der Großväter und keinen einzigen gemeißelten Stein.

Früher tauchten diese Steine auch in anderen ausgetrockneten europäischen Flüssen auf. Jedes Mal folgt derselbe Zyklus: Bilder, Staunen, ein paar Wochen Sorge, dann Regen - und Vergessen bis zum nächsten Mal. Die Frage ist nicht, ob die Steine wieder erscheinen. Die Frage ist, ob überhaupt jemand liest, was in sie eingeritzt ist.