Skip to content

Sie suchten keinen jüngeren Partner, sondern eine neue Version ihrer selbst: eine Psychologin über Entscheidungen nach der Scheidung

1 Min. Lesezeit
Teilen
Sie suchten keinen jüngeren Partner, sondern eine neue Version ihrer selbst: eine Psychologin über Entscheidungen nach der Scheidung

Wenn jemand nach einer Scheidung mit einem zwanzig Jahre jüngeren Partner auftaucht, steht der Kommentar, bevor der Satz zu Ende ist. Midlife-Crisis, Eitelkeit, Flucht vor dem Spiegel. Die Psychologin Lara Ferreiro hält diese Deutung meist für verfehlt, und ihre Erklärung ist interessanter als das Getratsche.

„Manchmal suchen sie gar keinen 'jungen Menschen' - sie suchen eine neue Version ihrer selbst”, sagt Ferreiro, Autorin des Buches ¡Ni un capullo más!. Der Unterschied ist wesentlich. Im ersten Fall geht es um das Alter des anderen. Im zweiten darum, wer man in der nächsten Phase sein will, und der Partner ist nur das Mittel, an dem sich überprüft, ob diese Version überhaupt existiert.

Ihr zweites Argument ist reine Arithmetik. „Mit fünfundzwanzig sucht man vielleicht den idealen Vater für die Kinder, wirtschaftliche Stabilität, eine Wohnung und ein Familienprojekt. Mit fünfzig sind diese Bedürfnisse bereits gedeckt.” Ist die Liste abgeschlossen, ändern sich die Kriterien nicht aus einer Laune - sie ändern sich, weil die alten nichts mehr messen. Was bleibt, ist weit schwerer zu beziffern: mit wem es einem in einem Raum leichtfällt.

Wonach tatsächlich gesucht wird

Ferreiro betont, dass das entscheidende Gefühl nicht jenes ist, das alle vermuten. Es geht nicht nur darum, sich begehrt zu fühlen - es geht darum, sich gehört und psychologisch anerkannt zu fühlen. Das ist eine andere Währung als Attraktivität, und sie verbraucht sich langsamer.

Ihr Fazit ist sorgfältig formuliert: Eine Frau, die sich nach einer Scheidung in einen älteren Mann verliebt, flieht nicht zwangsläufig vor dem eigenen Alter, sondern nähert sich womöglich einer freieren Version ihrer selbst. Dieselbe Logik gilt umgekehrt, nur stellt bei Männern niemand die Frage.

Und hier liegt der Teil, den man behalten sollte. Endet eine Beziehung nach fünfzehn oder zwanzig Jahren, weiß derjenige, der aus ihr herauskommt, meist nicht, wer er außerhalb dieser Rolle ist. Die Partnerwahl danach ist keine Diagnose - sie ist der erste Versuch, die Frage zu beantworten. Ob die Antwort stimmt, ist ein ganz anderes Thema, und dazu hat die Psychologie weit weniger zu sagen, als allen lieb wäre.