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Das Dorf, das wegen eines Farbdekrets von 1915 zum UNESCO-Erbe wurde: Weiß und genau ein Blauton

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Das Dorf, das wegen eines Farbdekrets von 1915 zum UNESCO-Erbe wurde: Weiß und genau ein Blauton

Ein Dorf zwanzig Kilometer von Tunis ist soeben in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen worden. Der Grund ist keine Moschee, keine Festung und keine archäologische Stätte. Der Grund ist ein Dekret über Farbe, unterzeichnet vor mehr als einem Jahrhundert.

Sidi Bou Said zieht sich den Hang des Hügels Jebel Manar über dem Mittelmeer hinab. Gegründet wurde es im zwölften Jahrhundert rund um das Grab von Abu Said al-Baji, einem sufischen Gelehrten und Mystiker, und die folgenden Jahrhunderte vergingen wie in jedem anderen Küstendorf. Die Wende kommt zwischen 1912 und 1915, als sich der britische Baron Rodolphe d'Erlanger in den Ort verliebt und etwas tut, das heute keine Gemeinde durchzusetzen wagen würde.

Ein Dekret, das jede andere Farbe verbietet

Das Dekret von 1915 ist gnadenlos einfach: Fassaden sind weiß, und Türen, Tore und Fenster dürfen nur in einem einzigen Kobaltblauton gehalten sein. Keine Ausdrucksfreiheit, keine Auswahl aus dem Katalog. Das Ergebnis ist, was Sie heute sehen - ein Dorf, in dem kein einziger Eigentümer es geschafft hat, das Erscheinungsbild mit eigenem Geschmack zu verbessern.

Der Balkan kennt die gegenteilige Szene auswendig: eine Straße, in der jedes Haus seine eigene Sprache spricht, Fassade neben Fassade in anderer Farbe und anderem Material, jede für sich vertretbar und alle zusammen unerträglich. Der Unterschied liegt nicht im Geld - der Unterschied liegt darin, dass jemand vor hundert Jahren eine Regel schrieb und die nachfolgenden Generationen sie nie wieder aufmachten.

Das Dorf stand schon seit 1979 unter Schutz, allerdings im Rahmen der archäologischen Stätte Karthago. Die eigenständige Aufnahme bedeutet nun, dass das städtebauliche Ganze selbst als Wert gilt und nicht als Anhängsel von etwas Älterem.

Was es dort gibt, außer der Farbe

Der Palast Ennejma Ezzahra, einst d'Erlangers Wohnsitz, ist heute Zentrum für arabische und mediterrane Musik. Dar El Annabi ist ein Stadthaus aus dem achtzehnten Jahrhundert mit Höfen und Gitterfenstern. Dazu kommen eine Galerie zeitgenössischer tunesischer Kunst und Friedhöfe, terrassenförmig über dem Meer angelegt - ein Anblick, den man selten für touristisch hält.

Die Cafés gehören ebenso zur Geschichte wie die Architektur. Das Café des Nattes serviert Minztee mit gerösteten Pinienkernen, das Café des Délices arbeitet auf gestuften Terrassen mit Blick auf die Bucht. Zum Essen: Dar Zarrouk ist Fisch am Jachthafen, Au Bon Vieux Temps ist französisch-maghrebinische Küche unter einer efeubewachsenen Terrasse.

Von Tunis aus dauert es mit der TGM-Bahn rund fünfunddreißig Minuten, mit dem Taxi fünfundzwanzig. Zum Übernachten: Dar Said ist eine bürgerliche Residenz aus dem neunzehnten Jahrhundert mit vierundzwanzig Zimmern, Jasminhöfen und einem von Zypressen umstandenen Pool.

Offen bleibt die Frage, ob der Schutz das Dorf bewahrt oder es in eine Kulisse zum Fotografieren verwandelt. Die UNESCO vergibt ein Etikett, keine Garantie. Was Sidi Bou Said ein Jahrhundert lang zusammenhielt, war keine Organisation - es war eine Unterschrift, die später niemand zu ändern versuchte.