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Split ist kein Parkplatz nach Hvar: Ein römischer Palast als lebende Stadt - und ein Stück Heimat, das uns als Ausland verkauft wird

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Split ist kein Hafen nach Hvar, Brač oder Korčula. Split ist die Geschichte. Der Balkan behandelt die Stadt häufig als Durchgangsstation Richtung Inseln - Parkplatz, Fähre, Schlange, weiter. Das ist der größte Touristenfehler, den man machen kann. Split ist einer der wenigen Orte in Europa, an dem ein römischer Palast als Wohnviertel lebt, nicht als Museum.

Der Besitz des Kaisers Diokletian, zwischen 295 und 305 nach Christus als Alterssitz erbaut, ist heute das Herz der Stadt - mit 17 Jahrhunderten Marmor, in dem sich Cafés, Wohnungen, Bäckereien, Boutiquen, Kirchen und Friseursalons eingenistet haben. Das ist wichtig zu betonen - Menschen LEBEN im Palast. Er ist nicht für Touristen abgeriegelt, nicht zur Konservierung verschlossen, nicht in ein Freilichtmuseum mit Eintrittskarte verwandelt. Er ist eine lebende Stadt, und genau deshalb beschreibt die UNESCO nicht die Stadtmauern, sondern den gesamten zentralen lebenden Organismus.

Das Peristyl - der alte Zeremonienhof, wo der Kaiser Gesandte empfing - ist heute eine Terrasse. Man trinkt Cappuccino in seinem Schatten, auf demselben Stein, auf dem vor 1700 Jahren die kaiserliche Garde stand. Ein Mensch vom Balkan erkennt diese Szene wieder - nicht als Exotik, sondern als Normalität. Bei uns haben sogar Kirchhöfe Tische zum Domino. Geschichte liegt nicht unter Glas. Sie wird benutzt.

In geringer Entfernung vom Peristyl steht die Kathedrale des Heiligen Domnius - direkt über dem Grab Diokletians erbaut. Die Ironie ist groß. Derselbe Kaiser, der Christen verfolgte, liegt nun unter einem christlichen Altar. Auf den Glockenturm kann man steigen (steiler Aufstieg, nichts für Höhenängstliche), aber der Blick von oben öffnet die Dinariden auf der einen und die Adria auf der anderen Seite.

Den Palast zu verlassen heißt nicht, dass die Erfahrung endet. Die Riva - die Uferpromenade - ist das Hauptwohnzimmer der Stadt. Palmen, Terrassen, weiße Fassaden, langsam-glühendes Tempo. Die Einheimischen verbringen hier ihre Abende mit einem Glas Pošip (dalmatinischer Weißwein) und einem Gespräch, das nicht zum Schluss eilt. Das ist jenes „mediterrane" Tempo, von dem der Balkan oft mit Neid spricht - obwohl auch wir dieselben Rituale haben, nur mit weniger Marketingmaschinerie dahinter.

Beim Essen bietet Split drei Ebenen: Fife ist das beste populäre Risiko - günstig, üppig, traditionell. Zoi, das Restaurant an den alten Palastmauern, ist elegant und intim. Dvor, am Meer, bekannt für gegrillten Fisch im Garten. Alle drei teilen eines - einen kompromisslosen Respekt vor der Frische des Produkts. Hier gibt es keine Molekularküche und keine französischen Soßen. Es gibt klaren Fisch, Olivenöl, Zitrone, Kräuter und Saisongemüse.

Split hat auch sein grünes Pendant - den Hügel Marjan, ein Waldpark mit Pinien und Wegen, die sich über die Stadt erheben. Zehn Minuten vom Zentrum, und man steht in der Stille mit Blick auf das gesamte Split wie auf einem Kindermodell. An den Wegen zur Spitze liegt die Meštrović-Galerie, gewidmet Ivan Meštrović - dem größten kroatischen Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Das Gebäude ist von Gärten umgeben, zum Meer hin offen, und seine Skulpturen stehen im Dialog mit der Landschaft, nicht in einem Tresor.

Die Strände - Bačvice ist urban und beliebt, bekannt für Picigin, das einheimische Spiel im flachen Wasser mit kleinen Bällen und viel Laufen. Kašjuni, weiter westlich, ist ruhiger und wilder - das Wasser wie Glas, der Abend rosa und dunkelblau, und Joe's Beach Lounge bietet einen der schönsten dalmatinischen Sonnenuntergänge der Region. Beide Strände sind zu Fuß vom Zentrum erreichbar, weshalb Split - anders als die Inseln - keine Autofahrt und keine Fähre verlangt. Alles liegt in einer Stadt.

Wie schauen wir auf Split aus Balkan-Perspektive? Es ist nicht „Kroatien, für das wir kein Visum haben" - es ist ein Stück Heimat, das uns als Ausland verkauft wird. Wenige Autostunden von Tetovo, Skopje oder Bitola. Eine gemeinsame Geschichte (Illyrien, Byzanz, Venedig, Österreich-Ungarn), eine Sprache, die sich mit wenig Mühe verstehen lässt, und Essen, das nach Bekanntem riecht. Das touristische Narrativ der Stadt ist für deutsche und skandinavische Märkte geschrieben, doch Split funktioniert wirklich, wenn man es ohne Reiseführer, ohne Plan und mit der Bereitschaft besucht, vier Stunden am gleichen Tisch zu sitzen.