Skip to content

Neurologin: Depressive Menschen sehen buchstäblich mehr Grau - und das ist keine Metapher

1 Min. Lesezeit
Teilen
Neurologin: Depressive Menschen sehen buchstäblich mehr Grau - und das ist keine Metapher

„Es ist wörtlich gemeint. Depressive Menschen sehen mehr Grau." Der Satz ist keine Metapher und keine dichterische Freiheit - er stammt von einer Neurologin, der Vorsitzenden des spanischen Hirnrats. Und wenn er übertrieben klingt, ist genau das der Punkt: Depression ist nicht nur Traurigkeit, sondern eine Veränderung in der Art, wie das Gehirn die Realität wahrnimmt.

Mara Dierssen beschreibt etwas, das viele spüren, aber kaum jemand benennen kann. „Unsere mentalen Prozesse hängen von der Architektur und Vernetzung des Gehirns ab", sagt sie. Die Sprache des Gehirns ist elektrisch und chemisch - und wenn diese Schaltkreise gestört sind, verändern sich Wahrnehmung, Motivation, Emotionen, sogar das Erleben von Farben. Die Welt sieht tatsächlich blasser aus.

Die Zahlen dahinter sind nicht klein. Bei etwa 30 Prozent der Patienten reagiert die Depression nicht ausreichend auf die bestehende Behandlung. Allein in Spanien werden jährlich fast 4.000 Suizide verzeichnet. Und die Rate unter Jugendlichen steigt - teils, so die Experten, verbunden mit dem Druck der sozialen Netzwerke, die jede Unsicherheit verstärken, statt sie zu beruhigen.

Hier liegt der Mechanismus, der die Depression so heimtückisch macht: Sie erzeugt kognitive Verzerrungen, in denen negative Ereignisse unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit bekommen. Das Schlechte bleibt haften, das Gute wird übersprungen. Das Gehirn wird statt zum Verbündeten zum Filter, der nur die dunklen Töne durchlässt.

Doch dieselbe Wissenschaft, die das Problem beschreibt, weist auch auf den Schutz hin. Stabile Beziehungen zu Menschen, regelmäßige Bewegung, genug Schlaf, ständiges Lernen, ein Sinn im Leben. Nichts davon ist Magie oder Ersatz für professionelle Hilfe - aber es ist kein Zufall, dass genau das die Dinge sind, die die balkanische Tradition der Gemeinschaft in ihren besseren Tagen von selbst bot. Die Frage ist, wie viel davon wir im Namen der Eile haben verschwinden lassen.