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Berlin schließt das russische Konsulat und das „Russische Haus“: Die Maßnahmen kamen vor dem Beweis

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Berlin schließt das russische Konsulat und das „Russische Haus“: Die Maßnahmen kamen vor dem Beweis

Deutschland schwieg vier Wochen lang und sprach dann auf einmal und laut. Berlin schließt das russische Konsulat in Bonn und das „Russische Haus“ in der Hauptstadt, kündigt neue Sanktionen an und erklärt, die Ermittlungen zu den Drohnen am Flughafen Leipzig/Halle stünden vor dem Abschluss. Moskau antwortete binnen zwei Stunden: Erfindung, Provokation, kein einziger Beweis. Wer von beiden lügt, kann der Leser vorerst nicht überprüfen. Genau das ist der Sinn dieser Art von Konflikt.

Das Ereignis, das die Geschichte entzündete, geschah am Abend des 4. August. In Leipzig/Halle, einem der größten Fracht- und Logistikknoten Europas, wurde in unmittelbarer Nähe eines ukrainischen Transportflugzeugs eine Drohne mit Sprengsatz und Zünder gefunden. Der Sprengstoff detonierte nicht. In derselben Nacht kollidierte ein Frachtflugzeug mit einem kleineren nicht identifizierten Flugobjekt. Rund zehn Tage später wurde eine weitere Drohne gefunden, mit Sprengstoffspuren. Drei getrennte Vorfälle am selben Ort, im selben Monat.

Deutschland sagt: hybrider Angriff

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt beschrieb den Fall als „Szenario eines hybriden Angriffs“ und ließ offen, ob ausländische Mächte dahinterstehen. Kanzler Friedrich Merz teilte anschließend mit, die Ermittlungen stünden vor dem Abschluss, und deutsche Medien berichten, Berlin bereite sich darauf vor, Russland als verantwortlich zu benennen. Die Antwort werde, so Außenminister Johann Wadephul, mit europäischen und NATO-Partnern abgestimmt.

Also: Das Konsulat in Bonn wird geschlossen, das Abkommen über das „Russische Haus“ in Berlin aufgehoben, Sanktionen liegen auf dem Tisch. All das vor einem öffentlich vorgelegten Beweis. Erst die Maßnahme, dann das Dokument - eine Reihenfolge, die man auf dem Balkan gut kennt.

Russland sagt: All das ist ein Drehbuch

Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, fasste sich kurz: Die Vorwürfe einer russischen Verwicklung in den Angriff am Flughafen Leipzig seien, wie sie sagte, „absolut erfunden“. Moskau kündigte auch eigene Gegenmaßnahmen gegen Berlin an.

Parallel dazu bot ein russischer Militärexperte eine vollständig umgedrehte Version an: Es handle sich um eine Operation des deutschen Nachrichtendienstes, ausgeführt mit ukrainischen Spezialkräften, deren Ziel es gewesen sei, Russland zu diskreditieren, die Lieferung schwerer Waffen an Kyjiw zu beschleunigen und die Schlinge um russische Firmen und Staatsbürger in Deutschland enger zu ziehen. Sein Hauptargument ist das Ausbleiben von Schäden - hätte jemand wirklich Transportflugzeuge zerstören wollen, hätte er es getan. Die Drohnen, behauptet er, seien gar nicht von außen gekommen, sondern vor Ort zusammengebaut worden, und die russischen Materialien darin seien absichtlich hinterlassen worden, damit es eine „russische Spur“ gebe.

Die beiden Versionen sind nicht vergleichbar - und genau das ist der Effekt

Die eine Seite hat keinen veröffentlichten Beweis. Die andere hat nichts als eine Theorie, gebaut auf dem, was nicht geschehen ist. Keine der beiden Positionen lässt sich von außen prüfen. Und solange sie bestehen, erfüllen sie ihren Zweck: Berlin erhält eine Grundlage für Sanktionen, Moskau eine Grundlage, sich als Opfer einer Inszenierung zu bezeichnen.

Es gibt ein zweites Ereignis, das in dieselbe Geschichte geriet und das man trennen sollte. Das Umspannwerk am Kraftwerk Jänschwalde in Brandenburg wurde mehrfach mit improvisierten, mit Sprengstoff gefüllten Raketenvorrichtungen beschossen. Die Polizei fand vor Ort mehrere weitere solcher Vorrichtungen und entschärfte sie. Der Netzbetreiber 50Hertz bestätigte eine kurze Unterbrechung auf einer Leitung, die Versorgung wurde jedoch stabilisiert und alle Leitungen wieder in Betrieb genommen. Verletzt wurde niemand, was auch der Kraftwerksbetreiber bestätigte. Die Ermittlungen übernahm das Landeskriminalamt Brandenburg.

Ziel war nach ersten Informationen das Stromnetz - also ein größerer Stromausfall. Dazu kam es nicht. Doch dass jemand mit handgefertigten Vorrichtungen auf ein Umspannwerk neben dem größten Braunkohlekraftwerk des Landes schießen und danach in Ruhe verschwinden kann, sagt mehr über den Zustand der kritischen Infrastruktur Europas als jede Erklärung aus Berlin oder Moskau.

Warum uns das angeht

Weil das Muster erkennbar ist. Ein Vorfall ohne Signatur, zwei Staaten, die sofort wissen, wer schuld ist, Maßnahmen vor Beweisen und eine Öffentlichkeit, die aufgefordert wird, sich danach zu entscheiden, wem sie mehr glaubt. Der Balkan kennt diese Szene auswendig - und weiß, wie lange sie dauern kann.

Deutschland ist in eine Phase eingetreten, in der jede Drohne über einem Flughafen, jede beschädigte Leitung und jedes Kabel auf dem Meeresgrund zum diplomatischen Ereignis wird. Die offene Frage ist nicht, wer die Drohnen in Leipzig platziert hat. Die Frage ist, ob der Beweis überhaupt veröffentlicht wird - oder ob die Maßnahmen das Einzige bleiben, was die Öffentlichkeit zu sehen bekommt.