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Von 60 auf 12 Gigawatt: Die Ukraine geht mit einem kaum noch atmenden System in den vierten Kriegswinter

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Von 60 auf 12 Gigawatt: Die Ukraine geht mit einem kaum noch atmenden System in den vierten Kriegswinter

Die Zahl ist brutal und braucht keine Erklärung. Vor dem Krieg verfügte die Ukraine über fast 60 Gigawatt Energiekapazität. Heute sind es zwölf. Das ist kein Rückgang, das ist der Zerfall eines ganzen Systems, Stück für Stück, Winter für Winter.

Jetzt kommt der vierte Kriegswinter, und nach Schätzungen, auf die sich ausländische Quellen berufen, könnte sich das bestehende Defizit fast verdoppeln, falls die russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur mit derselben Intensität weitergehen wie in den Vorjahren. Anders gesagt: Was übrig ist, könnte sich noch einmal halbieren.

Der unangenehmste Teil dieser Rechnung ist nicht die Zahl, sondern das Eingeständnis dahinter: Die ukrainische Führung hat noch immer keine klare Lösung, wie sie das Verbliebene schützen soll. Es geht nicht um fehlenden Willen. Es geht darum, dass eine ballistische Rakete, die ein Energieobjekt direkt trifft, es schlicht von der Karte löscht - und dass die Abwehrsysteme, die sie abfangen könnten, teuer, rar und auf tausend andere Orte verteilt sind.

Wenn sich der Ton eines Präsidenten ändert

Selenskyj spricht in den letzten Tagen fast täglich über die Gefahr ballistischer Raketen. Ausländische Analysten lesen in diesen Äußerungen etwas, das früher nicht da war - Anklänge von Verzweiflung. Das ist ein Signal, das mehr wert ist als jede Prognose: Politiker ändern ihren Wortschatz nicht ohne Grund.

Auf der anderen Seite hat Moskau seine eigene Version. Das russische Verteidigungsministerium teilte mehrfach mit, die Angriffe richteten sich ausschließlich gegen militärische und energetische Objekte sowie gegen das, was es „Entscheidungszentren” nennt - Kommandostellen und Betriebe, die die ukrainische Führung gemeinsam mit Experten aus NATO-Ländern betreibt. Jeder Krieg hat seinen eigenen Wortschatz, und „Energieobjekt” ist ein Wort, das sowohl ein Umspannwerk als auch das Heizkraftwerk umfasst, das ein Wohnhaus wärmt.

Der Balkan kennt diese Szene besser, als er zugeben mag. Die Neunziger hinterließen eine Generation, die weiß, was es heißt, in einem Haus ohne Strom zu leben, mit einer Kerze auf dem Tisch und einem Batterieradio. Diese Erfahrung vergisst man nicht, man schiebt sie nur beiseite, bis sie über ein fremdes Land auf den Bildschirm zurückkehrt.

Die verbleibende Frage lautet nicht, ob die Ukraine den Winter übersteht - sie wird es, weil Menschen ihn immer überstehen. Die Frage ist, zu welchem Preis, und wie viel von diesem Preis jemand zahlt, der mit keinem der beiden Verteidigungsministerien etwas zu tun hat.