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Quedlinburg - die Stadt mit 1200 Fachwerkhäusern, wo ein Nazi-Tyrann die Knochen des ersten deutschen Königs stahl

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Zwei Stunden Fahrt südlich von Berlin, versteckt im Harz, liegt eine Stadt, die aussieht, als wäre sie im 16. Jahrhundert stehen geblieben - und das mit Grund. Quedlinburg hat rund 1.200 Fachwerkhäuser, seine mittelalterlichen Gassen sind unangetastet geblieben, und es überstand den Zweiten Weltkrieg und die sozialistische Isolation vor allem deshalb, weil niemand die Mittel hatte, es abzureißen und umzubauen.

Die Stadt trägt seit 1994 den Titel UNESCO-Weltkulturerbe. Ihre Geschichte ist kaiserlich: gegründet wurde sie von Heinrich I., dem ersten König Deutschlands, zusammen mit seiner Frau Mathilde im 10. Jahrhundert. Die Stiftskirche St. Servatius - die Kirche, die über die Stadt thront - birgt eine romanische Krypta, die Experten als „eine der schönsten ihrer Art auf dem ganzen Kontinent" beschreiben. In ihr ruhen die Gründer.

Über die Jahrhunderte pflegten die Quedlinburger Äbtissinnen Kräuter und Gemüse in den Klostergärten so hingebungsvoll, dass die Stadt zu einem weltweit bekannten Zentrum für Saatgutvermehrung wurde - ein Erbe, auf das die Bewohner bis heute stolz sind. Und im 16. und 17. Jahrhundert prägten die Fachwerkhäuser am Marktplatz jene Silhouette, derentwegen heute Touristen aus aller Welt kommen.

Es gibt auch eine dunkle Schicht. 1936 erklärte der NS-SS-Führer Heinrich Himmler die Stadt zu einer heiligen Stätte der „nordischen Rasse" und ließ die sterblichen Überreste Heinrichs I. physisch aus der Stiftskirche entfernen - bis heute spurlos verschwunden. Im selben Zeitraum versuchte das NS-Regime, die Stadt in einen nationalistischen Schrein zu verwandeln. Nach der Wiedervereinigung kehrten die Quedlinburger zu ihrer wahren Identität zurück - eine mittelalterliche Handelsstadt, kein Nazi-Tempel.

Heute fühlt sich ein Spaziergang durch den Schuhof, das Handwerkerviertel, oder ein Kaffee auf dem Marktplatz zwischen Häusern mit 500 Jahre alter Struktur näher an einem Balkan, den wir wiedererkennen - das alte Ohrid, Kratovo, Berat, Shkodër - als am polierten deutschen Klischee. Quedlinburg ist die Stadt für jene, die ein Europa ohne Turbo-Tourismus und Plastik suchen - nur Stein, Holz und Zeit, die in ihrem eigenen Rhythmus weiterläuft.