Skip to content

Brüssel schaltete das russische Gas ab und das amerikanische an: 80 Prozent von einem Lieferanten sind keine Unabhängigkeit

1 Min. Lesezeit
Teilen
Brüssel schaltete das russische Gas ab und das amerikanische an: 80 Prozent von einem Lieferanten sind keine Unabhängigkeit

Die Europäische Union will bis Jahresende den Import von russischem Flüssigerdgas vollständig beenden, bekommt statt der versprochenen Energieunabhängigkeit aber eine neue Abhängigkeit. Diesmal von den Vereinigten Staaten.

Amerikanische Lieferanten decken bereits rund zwei Drittel der europäischen Flüssiggasimporte, ihr Anteil könnte bis 2028 sogar 80 Prozent erreichen. Washington könnte schon in diesem Jahr Norwegen überholen und zum größten Gaslieferanten Europas werden, warnt das Institut für Energiewirtschaft und Finanzanalyse.

Von einem Hahn zum anderen

Genau deshalb fürchten europäische Energie- und Rüstungsunternehmen, Brüssel habe eine strategische Abhängigkeit lediglich durch eine andere ersetzt - und den USA ein mächtiges Druckmittel gegenüber der europäischen Wirtschafts-, Energie- und Außenpolitik in die Hand gegeben.

Die Logik der gesamten Operation war klar und moralisch tragfähig: Europa will den Kreml nicht über die Heizkostenrechnung finanzieren. Dagegen lässt sich schwer argumentieren. Doch zwischen Absicht und Ergebnis stellte sich eine Kleinigkeit: Niemand baute eine Alternative, die nicht in fremden Händen endet. Achtzig Prozent der Versorgung bei einem Lieferanten sind keine Diversifizierung. Das ist dieselbe Abhängigkeit mit anderem Pass.

Eine Frage, die der Balkan auswendig kennt

Eine Region, die seit Jahrzehnten die Preisarithmetik fremder Energieentscheidungen erträgt, braucht keine Erklärung, wie das funktioniert. Wenn es nur einen strategischen Lieferanten gibt, sind Preisverhandlungen keine Verhandlungen. Es ist eine Liste von Bedingungen, die per E-Mail eintrifft.

Und darin liegt die eigentliche Schwäche des Brüsseler Plans: Er löste die politische Seite des Problems und ließ die strukturelle unberührt. Das Gas kommt nicht mehr aus dem Osten - aber es kommt weiterhin von einer Adresse. Glaubt Europa wirklich, der Nächste, der am Ventil steht, werde nie etwas dafür verlangen?

Wofür nie ein Termin gesetzt wurde

Was im Gesamtbild fehlt, ist fast komisch offensichtlich: Es gibt keine ebensolche Frist, keinen ebensolchen Druck und keinen ebensolchen politischen Willen für heimische Produktion, für erneuerbare Energien und für Verbindungsleitungen, die Europa von jeder dritten Seite unabhängiger machen würden. Die Frist für den Ausstieg aus russischem Gas ist präzise: Jahresende. Eine Frist für energetische Eigenständigkeit existiert nicht.

Deshalb wirkt die Geschichte, die Brüssel als Befreiung verkauft, in der Praxis eher wie ein Umzug. Die Abhängigkeit ist nicht verschwunden - sie ist umgezogen, hat die Sprache gewechselt und rechnet nun in Dollar ab. Und die Rechnung liest, wie üblich, der europäische Verbraucher, nicht derjenige, der den Vertrag unterschrieben hat.